top of page

Vom Lampenfieber zur Rampensau? Ursachen von Redeangst und Strategien, damit konstruktiv umzugehen



Sie müssen/möchten einen Vortrag halten, eine Präsentation vor Ihren Kolleg:innen oder eine Rede auf der Hochzeit Ihrer Tochter – aber das bereitet Ihnen bereits Tage im Voraus schlaflose Nächte?

Kurz vor Ihrem Auftritt fühlen Sie sich blockiert und haben Angst, zu scheitern oder sich zu blamieren? Das geht nicht wenigen Menschen so.


Jedoch ist Lampenfieber kein Schicksal, also etwas, was die einen eben haben und die anderen nicht. Eher besitzt jeder sein ganz persönliches „Lampenfieberprofil“. Denn bei der Aufregung vor einem Auftritt verhält es sich wie bei einem Kontinuum, auf dem sich ein Schieberegler hin- und her bewegt – je nach Person und Situation zu ganz unterschiedlichen Stellen. Stellen Sie sich vor, dass der Schieberegler sich in zwei gegensätzliche Richtungen bewegen kann: ist er ganz nach rechts geschoben, leidet die Person vor jedem Auftritt vor Publikum unter Angstzuständen und Panikattacken und versucht, das Auftreten wo es geht zu vermeiden. Befindet sich der Schieberegler hingegen ganz links, haben wir es mit einer Person zu tun, die nichts lieber mag, als vor Publikum aufzutreten. Die meisten Menschen bewegen sich natürlich irgendwo dazwischen. Die Sichtweise des Kontinuums betont, dass wir uns alle auf einer Ebene befinden, wenn auch an unterschiedlichen Stellen. Menschen mit Redeangst fallen also nicht aus einem „gesunden“ Raster heraus, ebenso abträglich ist es, Lampenfieber per se abzuwerten. Denn Lampenfieber ist eine wichtige körperliche Aktivierungsfunktion, sie stellt uns im entscheidenden Moment die Energie zur Verfügung, die wir für eine gelungene Performance brauchen (stellen Sie sich mal vor, Sie würden eine Abschlusspräsentation vor Ihren Vorgesetzten mit dem Energieniveau des Fernsehabends auf der Couch halten…). Bei stark ausgeprägtem Lampenfieber schießt der Körper jedoch übers Ziel hinaus, aus der gesunden Aktivierung wird für die Betroffenen belastender Stress.

 

Um die gute Nachricht gleich vorwegzunehmen: Redeangst ist überwindbar! Sicher, es gibt ihn, den extravertierten Typus, der von Klein auf die Bühne liebt und zu allen Gelegenheiten die ganze Familie unterhält. Wie es auch die introvertierte Träumerin gibt, die sich im vertrauten Austausch mit einem Herzensmenschen am wohlsten fühlt. Was jedoch in allen Menschen gleichermaßen angelegt ist: der Wunsch, gesehen, akzeptiert und anerkannt zu werden.


Motivation: Wofür genau gehe ich auf die Bühne?


Und hier wird´s bereits spannend, denn jeder und jede kann sich einmal fragen, was genau es ist, dass andere sehen sollen und was nicht. Was genau es ist, dass uns mit den anderen in Verbindung treten lässt. Nehmen wir einmal an, die introvertierte Träumerin sei eine talentierte Musikerin. Sie steht zwar nicht gerne im Mittelpunkt, und dennoch liebt sie es, Konzerte zu spielen – warum? Weil es ihre Musik ist, die wahrhaft gesehen und anerkannt wird. Wenn ihr Publikum textsicher mitsingt und im Rhythmus klatscht, geht sie ganz in der Beziehung auf. Nicht ihre Person steht im Vordergrund – das ist nicht ihr Motiv – sondern ihr „Produkt“, die Musik. Bei unserer Rampensau sieht es ganz anders aus. Auch er geht in der Verbindung zu seinem Publikum auf, jedoch genießt er dabei, sich selbst zur Schau zu stellen. Er liebt es, wenn seine eigene Euphorie sich in seinen Zuhörern spiegelt. Während es für unsere Musikerin höchst anstrengend wäre, andere ohne Medium (Musik) anzuspornen und zu begeistern, zieht der Entertainer nicht nur seine Lebendigkeit daraus, er lädt sogar seine Akkus im Kontakt mit anderen auf. Wichtig für sich zu klären wären also folgende Fragen: was treibt mich an? Was genau ist mir so wichtig, dass ich mich als Transportmedium zur Verfügung stelle, mich potenzieller Kritik aussetze und das Risiko des Scheiterns auf mich nehme? Die Antworten auf die Frage möchte ich als die „Licht-Seite“ bezeichnen. Sie könnten lauten: Ich liebe es, wenn ich Menschen inspiriere. Oder: Ich mache das, weil ich meinen Job gerne mache und stolz auf meine Arbeitsergebnisse bin. Hier geht um das „Wo will ich hin?“


Angst: Was genau hemmt mich?


Nun zur „Schatten-Seite“. Die besteht aus unseren Ängsten, dem, was uns blockiert. Die Schatten-Seite fühlt sich an, als hätte sie uns im Würge-Griff. Sie besteht aus den Antworten auf die Frage: „Wovon will ich weg?“. Hier wird es nun etwas komplizierter. Denn genauso, wie jeder Mensch Anerkennung braucht, hat auch ein jeder Angst, aus der Gruppe zu fallen. Verantwortlich dafür ist unser ältester Teil des Gehirns, das Stammhirn, mit dem schon unserer Steinzeit-Ahnen ausgestattet waren. Wenn wir Sorge haben, von unseren Mitmenschen abgelehnt zu werden, schüttet das Stammhirn Stresshormone aus, schließlich hätte es in der Steinzeit das Todesurteil bedeutet, wenn unser Clan uns ausgestoßen hätte. Je nach Typ und biografischem Hintergrund kann diese Sorge in unserem modernen Leben zu unrealistischen Ängsten führen, so z.B. zur Redeangst: Obwohl unser Verstand weiß, dass uns nichts lebensbedrohliches passiert, wenn wir etwa bei einer Rede einen Aussetzer haben, fühlt es sich in unseren Befürchtungen ähnlich an.


Der eigene Körper kann zum ungeliebten Verräter werden, wenn etwa während des Vortrages die roten Flecken den Hals hinaufsteigen, die Stimme bricht, die Hände zittern. Aber lassen Sie sich gesagt sein: der Körper ist immer Ihr Verbündeter! Spürt er Gefahr, stellt er Ihnen Hormone zur Verfügung, die Sie für einen Kampf oder eine Flucht dringend benötigen. Sicher, vor der Professorin in der mündlichen Prüfung droht Ihnen keine Lebensgefahr, aber dennoch müssen Sie fokussierter, konzentrierter und insgesamt leistungsbereiter sein, als wenn Sie mit Ihrer Freundin einen Kaffee trinken. Versöhnen Sie sich also mit Ihrem Körper, denn er macht alles richtig – nur die Stress-Signale, die unser Nervensystem ihm sendet, überdramatisieren die Situation.


Hinzu kommt unsere je unterschiedlich verlaufene Biografie. Wenn Sie sich als Kind gezeigt haben, mit Ihrem Wesen, Ihren Entdeckungen, Ihren Gedanken, wenn Sie wild getanzt oder an Weihnachten mehr schlecht als recht ein Lied auf dem Klavier vorgeführt haben – wie haben die Menschen in Ihrem Umfeld reagiert? Wohlwollend? Stark bewertend? Gar beschämend? All diese Erfahrungen haben wir tief verinnerlicht. Die Angst, einen Fehler zu machen, wenn wir im Fokus der Aufmerksamkeit stehen, ist eng gekoppelt mit unseren frühen Erfahrungen. Deshalb ist die Arbeit mit den sogenannten „Glaubenssätzen“ entscheidend. Wenn ich mich z.B. auf meinen Auftritt akribisch vorbereite, mich für alle Eventualitäten wappne und noch 10 Minuten vorher die neusten Studien zu meinem Thema studiere, dann kann es sein, dass ich den Glaubenssatz „Du musst perfekt sein!“ verinnerlicht habe. Die große Angst ist dann, Fehler zu machen. Habe ich diesen inneren Antreiber erstmal als eine von vielen Realitäten enttarnt (und eben nicht die Wahrheit), macht diese erweiterte Wahrnehmung mir den Weg frei, mein Problem auf vielfältige Weisen zu betrachten – die Lösungen kommen dann oft von ganz allein zu mir. Weitere Glaubenssätze können sein „Ich muss gemocht sein!“, dann fühlen Sie sich schuldig, wenn Sie andere Menschen mal auf die Füße treten. Oder „Ich kann niemandem vertrauen!“, dann haben Sie das Gefühl, für alles verantwortlich zu sein und Ihre Umgebung kontrollieren zu müssen. Sie können sich dann kaum entspannen – auf der Bühne auch nicht.

 

Es gibt für die Herausforderung „Lampenfieber“ etliche Ratgeber und Tipps – darunter viel Mist. Hilft es Ihnen, sich Ihr Publikum nackt vorzustellen? Viele schnelle Tricks suggerieren und verkennen den Leidensdruck, den viele Menschen haben. Die Ursachen des Lampenfiebers sind so individuell wie die Person, die damit zu kämpfen hat. Dennoch möchte ich Ihnen zum Schluss des Artikels ein paar Impulse anbieten, von denen vielleicht auch einer für Sie passt:


  • Kämpfen Sie nicht gegen Lampenfieber an, indem sie es zu überspielen oder wegzuschieben versuchen, dann wird es nur unangenehmer. Versuchen Sie lieber, das Lampenfieber wie einen alten Bekannten zu behandeln („Hallo, du schon wieder…“) oder sogar seine positiven Aspekte zu würdigen („Danke, dass du mir die nötige Energie gibst“). Angst zu bekämpfen ist nie erfolgreich, man kann nur durch sie gehen und bestenfalls ihre Energie in Kraft umwandeln.

  • Gehen Sie Ihren Ängsten auf den Grund – wovor genau fürchten Sie sich? Dass Sie auf eine Frage keine Antwort wissen? Dass das, was Sie erzählen, nicht nützlich für Ihr Publikum sein wird? Dass Sie ein Blackout bekommen? Knallrot zu werden? Das zu wissen hilft nicht nur, um sich dann darauf gezielt vorzubereiten (z.B. schlagfertige Antwort zurechtlegen, vorab Informationen einholen über Wünsche der Teilnehmer:innen, Makeup auftragen etc.). Es dröselt den diffusen und zugleich mächtigen Block der Angst in kleine und definierte Teile auf, die man handhaben kann. Oft sind unsere Ängste irrational und realitätsfern, z.B. den Job verlieren, von allen ausgelacht zu werden etc.

  • Klingt trivial, ist es aber nicht: Bereiten Sie sich gut vor auf Ihren „Auftritt“, nicht nur inhaltlich, sondern ggf. machen Sie sich mit der Technik vertraut, informieren sich über die Ausstattung des Raumes, sorgen gut für sich mit Wasser und Lutschbonbons, überlegen Sie sich Backup-Strategien wie z.B. ein Spickzettel in der Hosentasche bei einer freien Rede etc.

  • Überhöhen Sie innerlich nicht Ihr Publikum. Vergegenwärtigen Sie sich lieber die Dinge, die Sie mit ihm gemein haben – wie z.B. dass alle Menschen gemocht, anerkannt und akzeptiert werden wollen - auch Ihre Chefin oder Ihr kritischer Kollege.

  • Bauen Sie die innerlich aufgebauten Fronten zwischen sich und Ihrem Publikum ab. Wenn Sie sich selbst als den einen Block und Ihr Publikum als den zweiten Block inszenieren, kann das übermächtig und überwältigend sein. Durch einfache Strategien können Sie dies auflösen, z.B. durch eine lockere Sitzordnung, indem Sie Ihr Publikum mit Fragen einbeziehen, zum offenen Austausch einladen, nicht nur vorne stehen, sondern ins Publikum hineingehen etc.

  • Machen Sie sich klar, dass Sie mit Ihrem Lampenfieber einen Weg beschreiten: mit jeder Erfahrung werden Sie selbstsicherer. Mit jedem Auftritt kommen Sie ihrem Ziel näher. Feiern Sie sich dafür!


Sie möchten Ihre Redeangst aktiv angehen? Oder Ihre Präsentationskompetenz optimieren? Im 1:1-Coaching begleite ich Sie gerne.

Außerdem biete ich einen Kurs an, in dem Sie in einer kleinen, geschützten Gruppe das Sprechen vor Anderen üben, Selbstregulationstechniken erlernen sowie die Ursachen von Lampenfieber erfahren. Anhand hilfreicher Tipps und individuell auf Sie zugeschnittenem Feedback verbessern Sie zudem Ihr Auftreten und Ihre Selbstwahrnehmungskompetenz. Nicht zuletzt wird in diesem Kurs der Spaß nicht zu kurz kommen!








17 Ansichten0 Kommentare

Comments


bottom of page